Zeit für Plan B

Zeit für Plan B

Wann ist es Zeit für Plan- B ? Und was genau könnte Plan B sein?

Ich saß im rosa Tüllkleid vor einem Massenpublikum in einer fremden Stadt im Orchester. Entschädigt durch satte seltene 200,-€ für den Tag daran beteiligt, dass Tenöre Songs von Rio Reiser und Grönemeyer interpretieren durften. „Scheiße, was mache ich hier eigentlich?!“ war eine Frage, die ich mir in den Jahren meiner Freiberuflichkeit sehr sehr oft gestellt habe.

Für die richtigen Fragen fehlt oft die Zeit – und die Selbstachtung.

Zielführende Fragen

Was genau möchte ich erreichen?

Stimmen meine Handlungen und die Ergebnisse damit überein?

Woran wird erkennbar sein, dass ich ein Ziel erreicht oder nicht erreicht habe?

Der Zeitpunkt und der Grund für die Fragestellung spielt eine Rolle – gleich bleibt jedoch immer, dass niemand einfach aufhört, Musiker*in, Künstler*in, Tänzer*in, Artist*in oder was auch immer zu sein. Es ist unsere instinktive Natur.

 

Zeit für Plan B

Wir müssen sein und leben können, was unserer Natur und dem instinktiven wilden inneren Ausdruck und der Kultivierung, Perfektion und Vollkommenheit auch im vermeintlich Fehlerhaften, der Anmut, dem Augenblick und dem Flow entspringt.

Was wir dabei meiner Ansicht nach oft vergessen, ist die Lebensrealität der Menschen, die diese Entscheidungen treffen müssen und sich selbst diese Fragen stellen.

Mit welchen Bedingungen und Mitteln müssen wir leben und auskommen, welche tatsächlichen Umstände sind gegeben?

Gibt es Menschen, für die Verantwortung übernommen oder die in den Entscheidungen mit berücksichtigt werden müssen?

Können oder sollen tatsächlich alle Register gezogen werden, zum Beispiel sich überall zu bewerben und damit Menschen auseinander zu reißen?

Ist das Ego und die Berufung und Selbstverwirklichung wichtiger als die Verantwortung für einen anderen Menschen?

Von welchen Faktoren hängt es ab, ob wir diese Entscheidungen überhaupt frei treffen können?

Im Einklang mit den eigenen Werten

Wir sind gleichwürdig.
Chancen und Mittel sind dennoch ungleich verteilt.

Oft sind es Entscheidungen, die auf tiefen Werten beruhen, das ganze Leben und Wesen eines Menschen betreffen und für die sich ein Mensch selbst respektieren können muss.

Stehen ausreichend Ressourcen zur Verfügung?

Das heißt, gibt es die finanziellen Mittel, sich Unterricht, Weiterbildungen, Materialien, Instrumente, die Generalüberholung für ein Instrument, ein Atelier, Reisen zu Probespielen oder schlicht einen Babysitter zu leisten?

Und falls nein – gibt es die Möglichkeit, dafür zu sorgen und wenn ja, ist es wirklich sinnvoll, das zu jedem Preis zu tun und womöglich auch auf Kosten der Zeit, die für die Musik und Kunst und für beispielsweise andere Menschen gebraucht wird?

Gibt es Unterstützung von anderen Menschen? Ein soziales Netzwerk oder Unterstützung?

Ist jemand schon seit Jahren im Beruf und etwas ändert sich an den Rahmenbedingungen?

Fehlende Kontrolle

  • Dirigent*innen oder Sänger*innen , deren Arbeitsverträge nicht verlängert werden

  • Orchestermusiker*innen, die aus gesundheitlichen Gründen oder wegen Berufskrankheiten ihr Instrument nicht mehr spielen können

  • freiberufliche Musiker*innen, die nach der Elternzeit oder Corona Zwangspause nach langjähriger Tätigkeit nicht wieder als Honorarkraft an der Musikschule eingesetzt werden

  • Orchestermusikerinnen, die aufgrund ihres Geschlechtes / ihrer Mutterschaft / wegen gesundheitlicher Probleme aus dem Orchester gemobbt werden

  • Studentinnen, die wegen ihres Geschlechtes / Schwangerschaft / Mutterschaft schon im Studium diskriminiert werden

  • jegliche andere Diskriminierungen, die ebenso wenig greifbar und schwer zu beweisen und anzugehen sind

  • bildende Künstlerinnen, die nur gerade so finanziell über die Runden kommen und durch die KSK und Ehe kaum eigene finanzielle Absicherung haben

  • Menschen, die durch bestimmte Lebensumstände, Veranlagungen, Beeinträchtigungen oder Lebensbedingungen nicht in einen Standard- Beruf passen

Lernen am Modell

Wir werden im Studium und auch in anderen Ausbildungen eher auf die inhaltlichen und technischen Fähigkeiten vorbereitet, im Studium Orchestermusik beispielsweise kam die Vorbereitung auf die Freiberuflichkeit nicht vor.

Obwohl damit ganz klar am tatsächlichen Arbeitsmarkt vorbei ausgebildet wird, also die Realität der tatsächlichen Stellen schlicht nicht berücksichtigt wird.

In den Musikhochschulen wird zumindest im Klassikbereich hauptsächlich von Menschen unterrichtet, die selbst in Orchestern sitzen, also sowohl eine feste Stelle im Orchester als auch die Verantwortung des Unterrichtens und für die Vorbereitung auf den Beruf haben.

In der Realität dieser Unterrichtenden mit Vorbildfunktion kommen die Herausforderungen und Lebensrealitäten freiberuflicher Musiker*innen also nicht aus eigener Erfahrung vor.

Ein kurzer Blick auf Jazz/ Pop oder bildende Kunst : hier ist die Tätigkeit ganz selbstverständlich auf mehreren Säulen aufgebaut : der eigenen Arbeit und Entwicklung als Künstler*in, das Erschaffen und Vermarkten von eigenen künstlerischen Produkten, teilweise Auftragsarbeiten, Ausstellungen, wahlweise noch Unterricht und Kurse oder einer Professur oder Honorartätigkeiten an Hochschulen oder ebenfalls in Freiberuflichkeit. Nach alternativen passenden Rollenvorbildern müssen wir uns selbst auf die Suche machen.

Zeit für Plan B Leben wir nicht im Einklang mit unseren Werten entsteht ein Gefühl des Versagens und Scheiterns

Bei vielen Beispielen, die zu finden sind, kann der Eindruck entstehen, wir hätten versagt oder würden versagen. Oder hätten durch eine Entscheidung – zum Beispiel dafür, Mutter zu sein, eine gewissen „Schuld“ oder Konsequenz zu tragen.

Es gibt keine Garantie für eine Orchesterstelle, nicht für die Plan B Musikschul- Honorarstelle, keine Kalkulierbarkeit von Honoraraufträgen, Muggen oder für regelmäßige Buchungen, Aufträgen, Verkäufen oder ganz allgemein: Erfolg.

Und nein, niemand muss nur genug positives Mindset entwickeln und zuversichtlich und vertrauensvoll genug denken, vor allem fühlen und die Energie und Schwingung erhöhen und alle negativen Erfahrungen oder Umstände ausblenden und schon, pling, ändert sich alles.

Niemand ist vollumfänglich für die Ergebnisse im Außen verantwortlich.

Komme selbst ins TUN
Für die alltäglichen Entscheidungen können wir die Verantwortung übernehmen.

Es ist kein Scheitern und nicht deine Schuld oder dein Versagen, wenn du von der Musik oder Kunst (noch) nicht leben oder dieser Berufung nicht mehr wie gewohnt nachgehen kannst.

Es ist ein Schmerz und ein Verlust – der von dir angenommen und integriert werden kann.

Es ist deine Entscheidung, was Priorität für die nächsten Wochen, Monate und Jahre sein soll –

Du kannst bewusst dein Handeln darauf ausrichten.

Und nein zu allem sagen, was dem entgegen steht.

Wie lässt sich da ein Anfang finden?

Zuerst einmal : sich die Notwendigkeit eines Richtungswechsels eingestehen

Die Prioritäten bewusst machen – und gegebenenfalls verändern

Entscheiden, welche Dinge, Handlungen und Tätigkeiten nicht länger dienlich sind oder dir Kraft und Energie rauben.

Schlecht bezahlte Aushilfsjobs in Orchestern oder unbezahlte Projekte oder Tourneen gegen Spesen mitmachen zum Beispiel oder ständig mit deinen Talenten „Gefallen“ tun.

Ein TeilzeitJob mit Mindestlohn kann je nach Situation eine Stabilisierung der Situation oder ein weiterer Zeit- oder Energieräuber sein.

Eine neue Berufung zu finden und aufzubauen kann Glück bedeuten oder unnötigen Druck erzeugen.

Welche konkreten Ziele sind dir für dich und deine Identität wichtig?

Regelmäßige Praxis / Üben / komponieren / Kreativität unabhängig vom Ergebnis?

Entscheide dich für klar messbare Einheiten und halte dich daran.

Finanzielle Sicherheit und noch Zeit genug für deine Kunst, Musik und Kreativität sowie für deine Familie?

Möglich wäre zum Beispiel ein kompatibler (!!!) TeilzeitJob / eine Weiterbildung oder Umschulung / die Entwicklung von eigenen Produkten oder Dienstleistungen …

Es muss eine feste Stelle oder ein Honorarauftrag sein und du kannst dich gut einfügen?

Willst du um jeden Preis mit Musik oder Kunst Geld verdienen und dich am Markt und den Bedürfnissen orientieren?

Geht es dir darum, dass deine Tätigkeit auch im Einklang mit deinen Werten und deiner Familien- und Lebenssituation sein muss?

Brauchst Du Freiheit für deinen Ausdruck und deine Kreativität?

Mach dir unbedingt bewusst, was jeweils der Nutzen auf der einen und was der Preis auf der anderen Seite ist. Verdeutliche dir beides, am besten indem du es schriftlich festhältst oder anders visuell darstellst.

 

Wie du es dir dabei schwerer machen kannst aber nicht musst:

Daran festhalten, dass es die eierlegende Wollmilchsau bzw. dein ursprünglicher Lebensplan sein muss.

Eine Orchesterstelle und eine Professur und die perfekte Familie an einem perfekten Ort / der Durchbruch als Künstler*in und damit absolute Freiheit – kein Raum für Kompromisse.

Womöglich ist Pusemuckelsdorf in Kombination mit PatchworkFamilie oder SuperStelle haben und Lieblings-Patentante oder Dauer- Weltreisende zu sein aber genauso perfekt.

Von dir selbst abschneiden, was du im Innersten bist, indem du dich für einen Plan B und gegen deine Natur entscheidest.

Wenn so jemand dann plötzlich lebendiger wirkt, wenn wieder ein Hauch Musik, Tanz oder Ausdruck durch das Wesen strömt und die Natur spürbar wird – wie wäre stattdessen, beides zusammen zu bringen?

Unbedingt alles wie gewohnt perfekt machen wollen und dich selbst überfordern.

Menschen, die eine zweite Karriere aufbauen, Mütter sind und dann sowohl ihre künstlerischen Fähigkeiten weiterhin auf Profi-Nivau abliefern wollen, als auch eine gute Mutter, renommierte Ärztin, eine bessere Lehrerin, Expertin für etwas und so vieles mehr gleichzeitig sein wollen und oftmals sogar auch sind.

Wenn ich mir jedoch erlaube, eine Zeit lang eine ungelenke Malerin, eine kreative Chaos Mama mit RückzugsBedürfnis aber VorbildFunktion, eine durchschnittliche Ärztin, nur noch Hobby- Musikerin zum eigenen Vergnügen oder eine gewöhnliche egal-was- Berufstätige mit interessanten Hobbys zu sein, kann das eine immense Erleichterung sein.

Entscheidend ist, was dir persönlich Sinn und Erfüllung bedeutet.

In akuten Krisen und Veränderungszeiten sind es eher Fragen wie diese :

Woran genau erkenne ich, wann ich genug und die richtigen Dinge getan, ausreichend investiert und mich angestrengt und bemüht habe? Geht es darum überhaupt?

Wann ist es an der Zeit, loszulassen?

Wäre es ein aufgeben kurz vor einem Ziel?

Wann ist der richtige Zeitpunkt, einen Aufhebungsvertrag zu unterschreiben?

Muss bei einer ungerechtfertigten und diskriminierenden Kündigung die mentale Kraft aufgebracht werden, um meine Stelle zu kämpfen?

Beides fühlt sich nach Endgültigkeit und einer lebensverändernden Entscheidung an.

Wieviel Zeit, Therapien, Operationen, Medikamente und Massnahmen investiert jemand in die Wiederherstellung der Spielfähigkeit und Berufstätigkeit?

Nimmt jemand das Angebot an, nicht mehr Musiker, sondern Orchesterwart zu sein, um mit den langjährigen Kollegen verbunden zu bleiben und dadurch ständig mit dem Verlust konfrontiert zu werden?

Wie genau lässt sich überhaupt ein Ziel definieren, wenn es um Musik, Kunst oder Kreativität geht – und damit um etwas, das so wenig klar definierbar, vergleichbar und messbar ist? Was bedeutet Erfolg? Was ist Existenzberechtigung? Was und wer definiert meinen Beruf, meine Berufung, meinen Erfolg, meine Existenz, meinen Lebensunterhalt und Lebenssinn?

Lieber Staubsauger verkaufen, Quereinstieg an einer Schule, KFZ Mechanik, IT oder was anderes solides machen?

In solchen Phasen steht die Auseinandersetzung mit der eigenen Situation, die Akzeptanz bestimmter Grenzen, das Suchen nach Lösungen und das Sammeln von Informationen und Erfahrungen im Vordergrund. Es ist eine Zwischenzeit, die dem Beginn einer Wandlung voran geht und sie begleitet.

Dafür gibt es demnächst hier eine hilfreiche Methode für mehr Klarheit in Zeiten der Ungewissheit.

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