Schmerzen durch Fehlhaltung – wenn nichts mehr geht

Was kann ich tun, wenn ich Schmerzen habe, sobald ich mein Instrument ansetze?

Wenn der ganze Sinn meines Daseins aber darin besteht, mich durch eben dieses Instrument auszudrücken? Wenn es mein Beruf, meine Berufung, mein Leben und meine Existenz ist? Schmerzen durch Fehlhaltungen bedeuten also eine  Beeinträchtigung nicht nur auf rein körperlicher Ebene durch die Schmerzen an sich, sondern betreffen den ganzen Menschen und das gesamte System, in dem dieser sich bewegt.

 

Die Erfahrung von Flow

Wer sich zu etwas berufen fühlt, kennt sehr genau die Erfahrung tiefer Erfüllung, vollkommener Hingabe – und die Erfahrung von Flow. Dieses vollständige Aufgehen im eigenen Tun, das Verlieren von Zeit und Raum, das Verschwinden von allem anderen außer dem Augenblick.

Ähnliches habe ich bisher nur in Meditation und Yoga gefühlt – aber es ist für mich nicht dasselbe wie das Verschmelzen mit Klang und Sinn und Vollkommenheit, so wie ich es in der Musik und im Eins-Sein mit dem Instrument erlebt und erfahren habe.

Flow hat in meinem Fall allerdings auch immer dafür gesorgt, dass ich meinen Körper nicht mehr wahrgenommen habe. Die Schmerzen, die mich hätten warnen können, warnen müssen, waren ausgeblendet und in dem Moment nicht wichtig. So geht es vielen.

Schmerzen durch Fehlhaltungen - wenn nichts mehr geht

Wendepunkte, Heilungswege und Grenzen

2014 war für mich ein Wendepunkt, weil ich durch eine Entzündung des linken Schultergelenkes (Auslöser Borreliose) nicht mehr spielen konnte. Gleichzeitig war es ein Zwangs-Ausstieg aus einem Hamsterrad – und der Beginn eines längst überfälligen Heilungs- Weges.

Wie viele andere Musiker*innen bin ich erst zu Ärzten gegangen,

als es nicht mehr anders ging. Zu „normalen“ Ärzten und zu Spezialisten für Musikermedizin.

Gut zu wissen, was es ist, woher es kommt, welche Auswirkungen und Ursachen es sonst noch so hat oder haben könnte. Ich habe dadurch und auch durch Physiotherapie und meine anschließende Yogalehrerausbildung sehr viele Einblicke in Zusammenhänge sowie präventive und therapeutische Maßnahmen bekommen. Und in die Grenzen solcher Maßnahmen.

Ich denke in dem Zusammenhang immer wieder an einen blödsinnigen Witz, der ungefähr so geht : Geht ein Mann zum Arzt und sagt : „Herr Doktor, mein Auge tut immer so schrecklich weh wenn ich Kaffee trinke.“ Der Arzt bittet den Mann also, ihm genau zu zeigen, was genau er beim Kaffee trinken wie tut. Und gibt im Anschluss den weisen ärztlichen Rat, den Löffel beim Trinken aus der Tasse zu nehmen. Ha ha.

Es gibt beispielsweise Links-Querflöten. Zum Ausgleich.

Das wäre meinem Gefühl nach so, als würde ich zum Ausgleich die Tasse in die andere Hand nehmen und mit dem Löffel nun zur Abwechslung auch regelmäßig ins linke Auge drücken.

Darüber nachgedacht und das in Erwägung gezogen habe ich trotzdem.

Schmerzen durch Fehlhaltungen

Therapien und Maßnahmen

Ausgleichende Übungen, zum Beispiel Yoga, sind das Mindeste und ein Muss, können aber Abnutzungen und die Auswirkungen von Fehlhaltungen nicht vollständig korrigieren und ungeschehen machen. Bei fokaler Distonie beispielsweise treten nur bei 20-30% Besserungen innerhalb von drei Jahren auf, bei den meisten kehrt „ES“ zurück. Der Weg ist nicht das Beseitigen von Symptomen. Wenn es schon so weit ist, dass es Beeinträchtigungen oder Schäden gibt, geht die Gesundheit vor.

In Asien ist es eine Schande, den erlernten Beruf nicht mehr ausüben zu können – dort scheuen Musiker beispielsweise bei Fokaler Distonie nicht vor Operationen zurück. Hier in Deutschland gibt es meines Wissens „nur“ Botox und andere Medikamente mit meist starken Nebenwirkungen.

Die meisten Musiker*innen entscheiden sich für Medikamente und Therapien und / oder den Weg in die Selbst-Verantwortung, die Entscheidung, einfach das Instrument an den Nagel zu hängen und damit endlich die Fehlhaltung zu unterlassen ist für die meisten erst der allerletzte Schritt, davor wird ALLES versucht, um weiterhin Musik machen zu können.

Die Bedeutung von Scham

Mit zum Prozess gehört Akzeptanz und Integration des Neuen und das Finden und Gehen von neuen Wegen. Es gehört aber auch Scham vor sich selbst und vor anderen dazu. Meine Schmerzen konnte ich gut verbergen. Nach meiner Zwangspause konnte ich aber nicht mehr richtig üben und habe einfach nichts mehr zugesagt und mich komplett zurück gezogen und vor der Welt versteckt…

Anders ist es bei Musiker*innen, die vermeintlich „fest im Sattel sitzen“. Über zitternde, kieksende oder fehlende Töne oder einen komplett schlotternden Musiker wird manchmal getuschelt, vorerst aber oft lange geschwiegen. Der Druck und die Anspannung sind ja ohnehin fühlbar und hörbar. Niemand möchte darauf ansprechen – oder, falls selbst betroffen, darauf angesprochen werden.

Manchmal werden Kollegen dann jahrelang gedeckt, lassen Töne oder ganze Passagen weg.

Werden nur noch im Orchestergraben bei weniger exponierten Projekten eingesetzt. In kleineren Orchestern oder bei freischaffenden Musikern ist es anders : es lässt sich nichts kaschieren.

Informationen und Zeit

Oft fehlen Ansprechpartner, Netzwerke und konkrete Anlaufstellen wirken anfangs wie eine komplizierte Festung.

Hier findest du demnächst einen link zu Ansprechpartnern und Netzwerken.

Auch der Austausch mit Gleichgesinnten fehlt.

Wenn eine Auszeit durch Beurlaubung in einem Orchester möglich ist, soll innerhalb kürzester Zeit mit Hilfe von Medikamenten, Diagnosen und Therapien einfach nur die Spielfähigkeit wieder hergestellt werden. Für Ursachen , Hintergründe und das schrittweise Erlernen neuer Verhaltensweisen, Haltungen und Bewegungsmuster braucht es jedoch viel Geduld und Zeit.

Schließlich wurden die ungünstigen Gewohnheiten ebenfalls über eine sehr lange Zeit gebildet.

In einem nächsten Beitrag schreibe ich mehr darüber, welche Aspekte eine Rolle für den Umgang mit Fehlhaltungen spielen und was tatsächlich wirksam ist.

Erste Schritte und einen guten Umgang oder Weg finden

Ein erster Schritt sollte jedoch immer sein, in irgend einer Weise aus der akuten Situation zu gehen, um Abstand zu gewinnen und sich einen Überblick verschaffen zu können. Das kann konkret bedeuten, eine Zeit lang nur noch mental zu üben, statt tatsächlich am Instrument. Oder weniger wichtige Projekte nicht anzunehmen. Wenn es nötig ist, dann kann es auch eine tatsächliche Auszeit sein.

Für mich persönlich war es ab einem gewissen Punkt hilfreich, den Gedanken zuzulassen, mit der Musik meinen Kinder und mir nicht länger den Lebensunterhalt finanzieren zu müssen – es kann eine neue Berufung oder einen Lohn-Job nach oder neben der eigentlichen Berufung geben.

Mir persönlich hat es auf meinem Weg sehr viel Erleichterung gebracht, nicht mehr länger unter diesem immensen Druck zu stehen.

Es geht mir körperlich inzwischen so viel besser, wenn ich nicht oder nur ganz wenig mein Instrument spiele. Wenn ich mich selbst und meine Empfindsamkeit auf meine gewohnte Weise tief und leidenschaftlich in eine neue Berufung gebe, lebendig lerne und mich entwickle – und etwas ganz konkretes, greifbares und für andere dienliches damit in die Welt bringe.

Es war und ist ein Weg und eine riesige Aufgabe, etwas ganz Neues aufzubauen und wieder zu wissen, wofür ich da bin und dass mein Tun einen Sinn und einen Nutzen hat.

Aber ich gebe es zu : ohne Musik fehlt mir etwas ganz wesentliches. Ich kann mir ein Leben ohne Musik, ohne Klang und Töne, Vollkommenheit, Stille, Perfektion und diese gewaltige Kraft nicht vorstellen, ich brauche treibende oder beruhigende Rhythmen, Dissonanzen und Harmonie…

Meine persönliche Lösung

Für mich gibt es seit wenigen Tagen eine greifbare Lösung, wieder spielen zu können : es gibt tatsächlich ein vertikales Kopfstück für meine Querflöte, es ist wie eine Offenbarung.

Ich hatte mir auch eine Bassflöte besorgt – sehr geil aber eben nicht mein eigentliches gewohntes Instrument. Beides macht mich so froh und erhöht sofort meine Energie.

Es macht mich jedoch nicht wieder heil und auch nicht zur beliebtesten und begehrtesten Flötistin. Es verschafft mir auch keine Stelle im Orchester oder automatisch ein sicheres Einkommen als Musikerin.

Hauptberuflich und Vollzeit Berufsmusikerin zu sein ist für mich aus mehreren Gründen schon eine Weile keine gute Option mehr. Aber meine Flöte und ich, das MUSS sein.

Ich werde diese und andere Möglichkeiten nutzen, um mit der Musik in dieser tiefen Verbundenheit zu sein. Ohne den Druck, das perfekt und beruflich machen zu müssen.

So war es bei mir. Für dich jedoch muss es noch lange nicht so weit sein, es gibt so viele Aspekte und Stellschrauben, die so viel bewirken können und die ich gern früher gekannt und eingesetzt hätte.

Auf Muse statt Krise findest du ab jetzt regelmäßig neue Informationen über hilfreiche Wege, Bücher und Ansprechpartner, die mir selbst, meinen Klient*innen und anderen sehr nützlich waren.

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